Keyser Soze


Wir schreiben das Jahr 1995. Karin und Esther hatten schon in mehr als einer Kneipe hinter dem einen oder anderen Tresen gestanden. Die jüngere Szene im neuen Stadtbezirk Mitte war ihnen genauso bekannt wie die zahllosen Herr Lehmänner aus dem benachbarten Kreuzberg. Beide trugen sich mit dem Gedanken, einen eigenen Laden zu eröffnen und weil Sie viel und gerne über diesen Plan sprachen, setzten sie sich, langsam aber sicher, selber unter Druck. Doch da kannten sich die beiden noch gar nicht.

Anfang 1996 begab es sich dann, das Esther auf das Haus mit den großen Fensterfronten an der Ecke August- und Tucholskystraße aufmerksam wurde. Sofort war klar: Diese Kreuzung hat jede Menge Flair und das quirlige Kiezleben aus einer großartigen Eckkneipe betrachten zu können, wäre eine schon längst überfällige Attraktion.

Die ehemalige Konsum Filiale hatte in den wenigen Jahren nach der Wende schon als Redaktion einer ultralinken Zeitung, dann als Tequilabar und zwischenzeitlich auch mal als Kunstverein gedient – und nun stand das Erdgeschoss mal wieder leer.

Erst einmal war es ein kleines Abenteuer, den Besitzer des Hauses ausfindig zu machen. Lange Wochen blieb der gute Mann ein Phantom, aber mit Hilfe einer Potsdamer Hausverwaltung und ein paar Freunden aus L.A. gelang es schließlich, Herrn Noel Merry-Hew in Boys Hot Springs, Kalifornien aufzustöbern.

Mit dem Plan konfrontiert, in seinem Haus solle einen Kiezkneipe der besonderen Art entstehen, kam Mr. Merry-Hew höchstpersönlich nach Berlin gereist, um seinen Besitz und die zukünftigen Mieter in Augenschein zu nehmen. Nicht das es einfach gewesen wäre, aber schließlich wurde man sich einig. Der Ausbau konnte beginnen.


Der aufgewirbelte Staub rief dann auch Karin und Martin auf den Plan, denn erstens ging das Gerücht in der Szene um, dass an „der“ Kiezkreuzung ein neuer Laden gebaut wird und zweitens staubte es auch schon ganz gewaltig aus dem werdenden Lokal. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Karin rief Esther an und beide stellten fest, dass sie erstens Thekenschlampen aus Leidenschaft waren und zweitens ihre Vorstellungen zum Thema Keyser Soze ganz hervorragend als gemeinsame Vision geeignet waren. Die Geschäftsführung war geboren.

Nun darf man sich unter dem Ausbau bitte nicht vorstellen, dass da ein Bauunternehmer und ein Innenarchitekt anrücken, damit man dann zwei Monate später einen Schlüssel zu einem topsanierten Laden in die Hand gedrückt bekommt. Den Schlüssel hatte man von Anfang an, dafür musste man aber auch den Innenarchitekten und die Baufirma selber mimen. So kam es, dass Esther, Karin und Martin mit viel Liebe und Einfallsreichtum, jeder Menge Hilfe ihrer Freunde und einer endlosen Liste angeregter Diskussionen das Keyser Soze erschaffen haben. Und daran liegt es auch, dass die Betreiber bis heute jede einzelne Schraube des Ladens mit Vor- und Zunamen kennen.

Hunderte kleiner Anekdoten ranken sich um diesen legendären Ausbau. Sei es die glorreiche Idee für den Tresen, Furnierholz schlicht, aber ergreifend mit Beton auszugießen oder die Entwicklung eines Leuchtkastens, dessen Plagiate heute hinter so manchem Berliner Tresen bewundert werden können, bis hin zu der Geschichte mit den Zebras an den Wänden des Ladens. Diese Geschichte sei kurz erzählt:

Jemand kam damals mit einem vergilbten, Schwarz-Weiß-Foto aus den Zwanzigern an, auf dessen Hintergrund Zebras zu erkennen waren. Zebras wie sie heute die Wände des Keyser Soze zieren. Das Foto zeigte zwei Männer, die vor einer Tapete saßen. Wahrscheinlich wurde es in den Staaten aufgenommen. Die Zebra-Tapete im Hintergrund gefiel so gut, dass man sich schnell einig wurde. Eine befreundete Malerin erklärte sich bereit genau diese Zebras auf die Wände des Gastraums zu übertragen.

Da die Farbgebung im Original nicht nachvollziehbar war, entschied man sich das Ganze, analog zum Foto, in Grautönen zu halten. Die Farbe war noch nicht ganz trocken, da sagte jemand ganz anderes: „Mensch toll! Das sind doch die Zebras aus dem Woody Allen Film „Geliebte Aphrodite“, das finde ich aber super, dass ihr solche subtilen Zitate hier einbaut.“ Wir dachten damals nur – ja genau... Doch einige Recherchen haben ergeben, dass die Tapete tatsächlich im besagten Film auftaucht und bis heute die Wände von „Gino’s Restaurant“ in New York City verschönert. Wir haben zwei Dinge gelernt. Erstens: Hinter den Zebras war es immer schon Dunkelrot – und zweitens: Die Welt ist nirgends kleiner als in einer Kiezkneipe.


Inzwischen ist das Keyser Soze zu einer festen Institution in Berlins Mitte geworden. Der Laden wird auch heute noch von den üblichen Verdächtigen heimgesucht, die sich allerdings inzwischen mit Zugezogenen und Leuten auf der Durchreise die Klinke in die Hand geben.

Durch einen menschlichen Service und eine unprätentiöse, aber amtliche Bar-Kultur sowie eine spektakulär einfache Küche,

hat sich das Keyser Soze inzwischen nicht nur zahllose lobende Erwähnungen in der Presse und der einschlägigen Fachliteratur verdient, sondern auch die uneingeschränkte Liebe und Treue der Menschen, die rund um den Laden leben. Davon lebt eine echte Eckkneipe ebenso wie von guten Umsätzen und davon, dass sich bei uns beides seit nunmehr fast zehn Jahren so großartig die Waage hält – darauf sind wir stolz.